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bis zur Kerb am 1.11.2019


Willkommen liebe Kerbfreunde Blog

Die Kerb in Dietzenbach

Die Kerb in Dietzenbach

von Hedi Weilmünster

1925

Die Dietzenbacher „Frohsinn“ Kerbburschen 1925 vom „neuen Löwen“. Als Bembelträger der Sohn des Löwenwirtes Heinrich Heberer (Fotoarchive Weilmünster)

Im alten Dietzenbach waren die Festlichkeiten, die das tägliche Einerlei des arbeitsreichen Jahreslaufes unterbrachen, äußerst gering.
Nur die „Kerb”, die im Dorf sozusagen als „höchster Feiertag” galt, wurde und wird heute noch nach alter Sitte und den damit verbundenen Bräuchen von den Einwohnern drei Tage lang gefeiert. Mit dem Bau der Kirche wurde im Jahr 1753 in der Amtszeit von Pfarrer Preibisius begonnen. Die Einweihung der Kirche, also die Kirchweihe, fand unter großer Beteiligung der Dorfbewohner am 27. Oktober 1754 statt. Aus diesem Anlaß wird die Kirchweih, im Volksmund die „Kerb”‚ am letzten Wochenende im Oktober oder am ersten im November gefeiert.
Und wenn diese Kerbtage nahten, war das ganze Dorf in Aufruhr. Wochenlang vorher gings schon los mit dem „Kerbputz”. Das ganze Haus wurde auf den Kopf gestellt, denn viel Verwandtschaft hatte sich meistens zum Besuch angemeldet. Viel Arbeit mit dem Anfertigen der neuen „Kerbkleider” hatten die einheimischen Schneiderinnen. Und selbstverständlich mußte zur „Kerb” bei den Frauen auch „de Kopp en de Reih’ seu”. Die Friseurgeschäfte hatten in der Kerbwoche Hochbetrieb, denn meistens gabs neue Dauerwellen.
Aber auch beim Bäcker und beim Metzger gings „rund”. Montags schon führten die Metzger unter großer Beteiligung der Dorfbewohner, hauptsächlich der Kinder, ihren zum Schlachten bestimmten „Kerbochs”, der mit einem Kranz geschmückt war, durch die Straßen. Die Leute mußten rechtzeitig ihre großen Bestellungen abgeben, die Ware wurde oft auch ins Haus gebracht.
Schwerstarbeit mußten auch die Bäcker leisten, denn viele Bleche voll „Kerbkouche” mußten gebacken werden. Als Dietzenbach nur 3000 Einwohner hatte, gab es immerhin etwa sieben Bäckereien und alle hatten ihre Stammkunden. Also, es wurde zur Kerb freitagnachts „durchgebacken” und samstags fast noch den ganzen Tag. Vom Kerbkuchen wurde auch viel an die eingeladenen Kerbgäste verschenkt. Am beliebtesten waren „Quetsche-‚ Riwwel- und Käskouche”. Es wurde berichtet, daß einst ein scheinbar hungriger Gaul einen im Hof einer Bäckerei abgestellten großen „Riwwelkouche” voll und ganz gefressen, danach freudig gewiehert habe und zufrieden in den Stall getrabt sei.
Der „Kerbplatz” befand sich früher mitten im Ort an der Alten Schule, später dann am Harmonieplatz. Es gab höchstens ein Kinderkarussell, eine Schießbude und einen Zuckerstand. Später war die Schiffschaukel sehr beliebt.

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Kerbgruppe der „Milchhöfer”‚ benannt nach dem gleichnamigen „Milchhof” in Dietzenbach. Später hieß der Verein „Turngesellschaft”. Der Wagen wurde Anfang der 30er Jahre gefahren von Hch. Gaubatz. (Fotoarchiv H. Balzer‚ Dietzenbach)

Groß herausgeputzt hatten sich die vielen Gasthäuser. Das Dorf hatte „Annodazumal” sogar sieben Säle, in denen der „Kerbtanz” stattfand. Die Hauptsache bei der ganzen Kerb waren aber die „Kerbborsche” (Kerbburschen). Wochen vor dem großen Ereignis trafen sich junge Burschen und probten die Kerblieder.
Mit einem Faß Bier wurde eine Woche vorher die Kerb in den jeweiligen Gasthäusern „angetrunken”. Den „Kerbkranz”, der vor den Vereinslokalen aufgehängt wurde, mußten die Kerbburschen selber wickeln und zwar mit Sellerieblättern und bunten Bändern. So ein Kranz war manchmal fast ein Zentner schwer. Auch ein ausgestopfter „Kerbborsch” wurde hie und da aufgehängt.
Sonntagmittags zogen die Kerbburschen mit Musik zum Kerbplatz. Eine „geheimnisvolle Maan” (Korb), gefüllt mit frischer Ackererde wurde von zwei Buben getragen. Sie war mit einem weißen Tuch zugedeckt und hatte eine bestimmte Bewandtnis. Von Wirtschaft zu Wirtschaft wurde gezogen, die „Äbbelweu-Bembel” machten die Runde. Dann kam der große Moment der „Kerbredd” (Kerbrede). Auf einer großen Leiter hielt der dazu bestimmte Kerbborsch eine Ansprache in Reimen und zwar über amüsante Begebenheiten, die sich so in einem Jahr im Dorf ereignet hatten. Oft gab es auch darüber Ärger, wenn er jemand allzu sehr „auf die Schipp” genommen hatte (gehänselt hatte).

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Kerbburschen um 1911 in Dietzenbach im Hof des „Löwen”. Kerbkranz aus Sellerieblättern geflochten, mit Bändern und Papierrosen verziert. (Fotoarchiv EIis. Lehr, Dietzenbach)

Nun begaben sich Musikanten, Kerbburschen und die versammelten Dorfbewohner in die Gasthäuser und Tanzsäle. Nur wer gekaufte Tanzbändchen angesteckt hatte, durfte tanzen. Getanzt wurden anno dazumal am liebsten Walzer, Rheinländer und Schnicker.

So wurde auch noch ab montagnachmittag oft bis in den Dienstag hinein das Tanzbein geschwungen. Das traditionelle Essen in den Lokalen war Rippchen und Sauerkraut und Handkäs mit „Musik”.

Kerbmontag in der Früh’ zogen die Kerbborsche dorch die Strooße
sie sangen mit rauhem Hals un hawwe gebloose
und sammelten Geld in de Häuser und bei de Geschäftsleut
unn hunn sich dann uff de Frühschobbe gefreut
dienstagabends iss werre alles uff de Kerbplatz gerennt
denn dort hott mer jetzt en Kerbborsch verbrennt
das hieß: die „Kerb” wurde begraben nach altem Brauch
und beerdigt wurde der Kerbborsch dann auch

Nach dieser Zeremonie, die „en Parre” (ein als Pfarrer verkleideter Kerbbursche) mit einer „Grabredd” abschloß, gings wieder in die Lokale zurück. Bei „Quelldene” (Pellkartoffel) mit Hering und viel Apfelwein klang in lustiger Gesellschaft die „Dietzebächer Kerb” aus.


Quelle: “Landschaft Dreieich“ 1989

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