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bis zur Kerb am 28.10.2016


Die Zigeuner vom Hexenberg

Die Zigeuner vom Hexenberg

Zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatten sich die gelbbraunen Schwärme der Zigeuner über die meisten Länder Europas ausgebreitet. Der gemeine Mann betrachtete diese Kinder des Orients mit Furcht und Mißtrauen; finsterer Aberglauben beherrschte damals noch die Gemüter, und kein Strahl des Lichts erhellte die geistige Nacht. Was Wunder also, wenn die Weiber der Zigeuner, im Geruche der Wahrsager- und Zauberkunst stehend, eine reichliche Ernte des Betruges hielten, während die Männer durch Raub und Diebstahl ihren Unterhalt sich erwarben.

In der zu Anfang angedeuteten Zeit hielt sich in der Nähe des Otzberges bei Umstadt eine Horde dieses Raubgesindels auf. Sie stand unter dem Befehl eines Hauptmanns, der durch seine List und Tollkühnheit der Schrecken der Umgegend geworden war.

An einem schönen Sommerabende war diese Bande in dem großen Walde nordöstlich von Umstadt gelagert. Die Gestalt der Männer war im allgemeinen schlank und hielt die Mitte zwischen groß und klein; jede ihrer Bewegungen zeugte von Kraft und Festigkeit. Die dunkelen Augen, das rabenschwarze Haar und der lange schwarze Bart, der, mit dem Kopfhaare in Verbindung stehend, über Wange und Kinn auf die Brust herabfiel, gab ihnen ein finsteres, düsteres Ansehen. Ihre Kleidung war einfach; ein langer, leinener Überwurf, der bis über das Knie reichte und in der Mitte des Leibes durch einen langen Riemen zusammengehalten wurde, machte den Hauptbestandteil derselben aus. Arme und Beine waren unbedeckt. Etwas zur Seite saßen die Mädchen und Frauen, deren Kleidung ebenfalls aus leinenen Röcken, bis auf den Knöchel reichend bestanden. Alle waren in lebhafter Unterredung, indem sie über überstandene Gefahren scherzten und sich kurzweilige Auftritte erzählten.

Der Hauptmann stand von diesen Gruppen etwas entfernt, gelehnt an eine Eiche und gestützt auf eine schwere Büchse. Ein aufgekrämpfter Hut deckte sein Haupt, und sein tiefbraunes Gesicht, wie seine dunkeln, blitzenden Augen, konnte niemand ohne Grauen anschauen.

Er sah sinnend auf seine Gefährten und schien zu überlegen, welche Unternehmungen er den folgenden Tag ins Werk setzen wollte. Da rauschte es plötzlich durch das Dickicht; er fuhr auf und sah wild nach der Gegend des Geräusches. Das vordere Gebüsch ward auseinander gebogen, und eine außergewöhnlich hohe Zigeunerin, die sich wahrscheinlich etwas verspätet hatte, kam zum Vorschein; sie war hochbejahrt und hatte dem Anscheine nach mehr als ein Menschenalter durchlebt; auch stand sie bei der ganzen Horde in hohem Ansehen, weil sie vorzugsweise die Gabe besaß, in die Zukunft zu schauen, weshalb sie auch der Hauptmann stets mit Achtung behandelte. Ganz erschöpft und von Schweiß triefend, trat sie hastig vor denselben.

„Großer Hauptmann!” sprach sie, „es dräut uns Gefahr.”

„Woher soll diese kommen?” entgegnete der Angeredete ruhig – „sprich Henni! Was hast du gesehen, was Neues gehört?”

„Ich habe viel gehört und gesehen,“ erwiderte die Gefragte. „Ach, es ist mir bange um uns! In Umstadt herrschte den ganzen Tag große Bewegung; einzelne Reiter und Fußknechte, sowie bewaffnetes Landvolk, sah ich von allen Seiten herbeieilen. Überall begegnete ich nur drohenden Blicken, und nicht viel fehlte, so hätten mich die Gassenbuben mit Steinen todtgeworfen.”

In des Hauptmanns Auge blitzte ein unheimliches Feuer; seine Blicke schweiften einige mal über seine Gefährten, die sich schon teilweise um ihn gestellt hatten. Die Männer griffen mutig nach ihren Waffen, während sich die Weiber und Mädchen ängstlich zusammenscharten und bei dem leisesten Geräusch erschreckten.

„Haltet Euch mutig, meine Gefährten,” sagte der Hauptmann in ernstem Tone. „Werden wir angegriffen, so kämpft tapfer; streitet für Euer Leben und Eure Freiheit, für Weib und Kind.” Diese Rede erhöhte den Mut der Söhne des Waldes, und der Zug setzte sich nach einigen Minuten still und ernst in Bewegung. – Eben kam des Mondes volle Scheibe am östlichen Himmel zum Vorschein, mit bleichem Scheine die nahen Hügel beleuchtend, als die Zigeuner auf einmal durch ein nahes Geräusch zum Stillstand bewogen wurden. Plötzlich knallten von allen Seiten Hakenbüchsen, Kugeln zischten und Bolzen schwirren; sie waren überfallen.

„Durch! nach den Tälern des Odenwaldes!”donnerte der Hauptmann. Wie der Tiger, dem man seine Beute zu entreißen trachtet, stürzten sich die Söhne des Waldes mit geschwungenem Schwerte auf den nächsten Haufen der Angreifer und durchbrachen ihn, aber eine Schar der Christen stürzte sich unter furchtbarem Gemetzel unter die Zigeuner. Der Hauptmann, von allen Seiten umringt, wehrte sich eines Helden würdig und sein Beispiel feuerte seine Untergebenen zu ähnlichen Anstrengungen an. Schon ließen die Christen in ihrer Heftigkeit nach, als gleich einem vernichtenden Orkane ein Zug Schwergeharnischter daherbrauste. Schwerter blitzten im Mondschein, um Tod und Verderben zu bringen. Da löste sich die ganze Zigeunerhorde in wilde Flucht auf. Wie ein Rasender brach sich der Hauptmann Bahn und verschwand im Gebüsche. –

Am folgenden Morgen zog die lange, hagere Gestalt einer Zigeunerin ganz allein, einen Esel am Stricke führend, durch den Wald in der Nähe von Urberach; es war Henni, die dem nächtlichen Blutbade glücklich zu entrinnen Gelegenheit gefunden hatte. Schwermütig schweiften ihr Blicke umher, aber noch herrschte die Dämmerung und verbarg unter ihrem grauen Schleier die entfernteren Gegenstände. Als das Gestirn des Tages jedoch am Saume des Horizontes erglänzte, gewahrte sie in einiger Entfernung drei Hügel. Sie lenkte ihre Schritte nach dieser Gegend und fand zwischen dem ersten und zweiten Hügel ein Tal, das von zwei Seiten durch dichten Wald begrenzt wurde. Hier konnte sie ruhig Halt machen; von zwei Seiten schützen sie die Hügel und von zwei Seiten der Wald. Die Decke dieses von der Natur gebildeten Gemaches war das blaue Himmelszelt. Trotz ihres Alters bestieg sie noch rüstig den Hügel, nachdem sie zuvor ihren Esel angebunden hatte. Die Höhe gewährte eine herrliche Aussicht nach den blauen Bergen des Taunus, außerdem gewahrte die Alte noch einige Dorfschaften, die ganz in der Nähe lagen.

Kurze Zeit hierauf sah man in den Dörfern in der Nähe Frankfurts die Ehrfurcht gebietende Gestalt einer Zigeunerin daherschreiten, die dem Landvolk für Spenden an Nahrung und dergleichen die Zukunft enthüllte und bei Alt und Jung in hohem Ansehen stand. Niemand wagte, sie zu beleidigen, aus Furcht, sie möchte vermittelst ihrer Zauberkünste Menschen und Vieh Schaden zufügen. Lange blieb der Ort ihres Aufenthaltes ein Geheimnis, denn niemand wagte ihr zu folgen, wenn sie des Abends mit ihrem beladenen Esel im Walde verschwand. Da verfolgte eines Tages ein rüstiger Jäger ein Wild in der Nähe jener Hügel. Plötzlich sah er vor einer Hütte von Reisig die alte Zigeunerin stehen, die ihm furchtlos entgegentrat. Er ließ sich von ihr wahrsagen, gab ihr ein Silberstück und ging seines Weges; aber er plauderte den Aufenthalt der alten Henni aus, so daß bald heimlich viele Menschen in ihr Asyl eilten, um sich den Schleier der Zukunft lüften zu lassen. Das dauerte einige Jahre lang, bis endlich die Zigeunerin nicht mehr zum Vorschein kam. Niemand wußte, wohin sie gekommen war; auch der Esel und die Hütte waren verschwunden. Die Menschen aber, wenn sie von ferne den Hügel erblickten, an dessen Fuß die Wahrsagerin gehaust hatte. sagten: „Das ist der Berg, wo die Hexe wohnte, das ist der Hexenberg.”

In der Nähe des Hexenberges liegt ein Stück Feld, durch welches ein Weg führt, Bulau genannt. Oft in stiller Mitternacht wollen furchtsame Leute eine graue Gestalt mit einem Esel haben vorüber ziehen sehen: oft sei auch ein durchdringendes Pfeifen gehört worden, das aus der Gegend des Hexenbergs herübergeschallt habe. Noch jetzt überfällt die Abergläubischen ein Schrecken, wenn sie des Nachts durch diese Gegend ziehen.

Quelle: Landschaft Dreieich 1994 Seite 122ff – Abdruck im Langener Wochenblatt Nr. 18 v. 2.5.1806.

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1 Antwort

  1. Uwe Schmedemann sagt:

    Liebe Kerbfreunde,
    diese Erzählung ist wahrscheinlich die Erklärung für die Entstehung unser Kerbziescheunern.
    Aber nix Genaues weiß mer nett.
    Viele Grüße Euer
    Parre Zottel

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