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bis zur Kerb am 27.10.2017


Dietzenbacher Kerb

Dietzenbacher Kerb

von Heinrich Weilmünster, Lina Weilmünster, Margret Beck

Die Dietzenbacher Kirchweih (Kerb) war früher der Höhepunkt des Jahres. Es war die Zeit, zu der die Ernte schon eingefahren war und mitunter die letzten Kartoffel ausgemacht wurden. Die Bauern bestellten bereits die ersten Felder für die Frühjahrssaat.
In diesen Tagen waren die Vorbereitungen für die Kerb in vollem Gange. Der Kerbputz stand in fast allen Familien im Vordergrund. Gardinen wurden gewaschen und gestärkt, Wohnungen wurden geputzt und gescheuert. Auf das Kerb- bzw. Tanzkleid freuten sich die jungen Mädchen schon das ganze Jahr. Dann war es soweit: Ende Oktober, manchmal auch am ersten Sonntag im November, stand Dietzenbach ganz im Zeichen der Kerb. Damenfrisösen legten in den letzten Tagen oft Nachtschichten ein, um den Frauen und Mädchen die Haare zu ondulieren. Einige Tage vor der Kerb spazierten die Metzgermeister mit einem geschmückten Ochsen durch das Dorf; dieser Kerbochs war Garant dafür, daß es auf der Dietzenbacher Kerb einen saftigen und kräftigen Braten gab.
Wichtig war auch das Kuchenbacken. Die meisten Familien rührten in ihren Backtrog 15 bis 20 Pfund Mehl ein. Bei vielen Familien kam der Bäcker persönlich ins Haus, um den Hefeteig zu machen, denn dieses große Quantum schafften die meisten Hausfrauen nicht.

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Die Kerbburschen der Freien Turner Dietzenbachs 1926

Dann wurden Streuselkuchen (auf Dietzebacherisch Riwwelkouche), Apfel- (Äppelkouche) und Quarkkuchen (Käskouche) gebacken. Meistens fing die Bäckerei schon Freitag nachts an und in den frühen Morgenstunden des Kerbsamstags duftete es in allen Straßen und Gassen nach frischem Kuchen. Auch heute gibt es noch viele, meist Dietzenbacher, Frauen, die diese Tradition weiterführen. Doch muß heute keine Kerb sein, um Kuchen zu backen.
Am Samstag wurde die Kerb meistens angetrunken. Das bedeutete, daß die jungen Leute schon Samstags in die Lokale gingen, um dort die Geselligkeit zu pflegen. Auf dem Kerbplatz waren die Vorbereitungen für den großen Rummel bereits beendet. Karuselle, Schießbuden, Süßwarenstände, Würstchenbuden und Fischverkäufer warteten auf die Besucher.
Am Sonntag ging es dann richtig los. Fast jedes Lokal hatte seine eigenen Kerbburschen. Nach dem Umzug haben diese den Kerbbaum vor der Gastwirtschaft aufgesteckt. Mit einer passenden Kerbrede wurde alles glossiert, was im Laufe eines Jahres in Dietzenbach passiert war. Zum Schluß wurde mit einem Glas Wein oder Apfelwein auf die Kerb angestoßen und einer dieser Sprüche klingt vielen Dietzenbachern noch heute in den Ohren: „Wenn dieses Gläschen nicht zerbricht, dann feiern wir unsre Kirchweih nicht.“ Das gibt es wohl nie, daß ein Glas aus 5 m Höhe geworfen nicht zerbricht.

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Kerbburschen der Freien Turner Dietzenbachs im Jahr 1927

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Kerbburschen des Gasthauses „Zur Harmonie” 1927, Arbeiter-Radfahrverein

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Kerbburschen vom Wingertsberg im Jahre 1946 mit Tanzbär und Bärenführer

Nach dem Anbringen des Kerbbaumes spielte die Musik zum Tanz auf. Auch die ältere Generation kam auf ihre Kosten. in den Gasthäusern spielten Stimmungskapellen und Zauberer führten ihre Kunststücke vor. Auch die Bedienung hatte alle Hände voll zu tun: es wurde nicht nur getrunken, bei Rippchen und Kraut schmeckte das Bier nochmal so gut. Viele junge Leute tanzten und feierten die Nacht durch, denn der Kerbmontag war so gut wie ein Feiertag. Da ging es nochmals genauso rund.
Die Kerbburschen zogen am frühen Morgen mit Musik und Gesang durch die Straßen und wurden meistens mit Spenden entlohnt. Am folgenden Dienstag wurde in aller Form die Kerb zu Grabe getragen. Man weiß heute noch nicht, was in dem hellen Wäschekorb lag, überdeckt mit einem weißen Leintuch. Wenn man als Kind fragte, was da drinnen sei, so lautete die Antwort: „Die Kerb! Die wird heute beerdigt, aber nächste Jahr kommt sie wieder.“ Es kamen auch viele junge Burschen von außerhalb, die die Dietzenbacher Kerb besuchten und manch schönes Mädchen kennen und lieben lernten, um dann nie mehr von hier wegzugehen. Ein bekanntes Sprichwort sagt: „Wer einmal Dietzenbacher Wasser trank, geht nie mehr aus Dietzenbach fort.“

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Mit einem lachenden und einem weinenden Auge wurde am Kerbdienstag die Kerb begraben. Der „Seelsorger” auf dem Bild ist Kurt Hottes. Hinter dem Kreuz ist der Sarg zu sehen. Die Trauergemeinde ist zahlreich erschienen

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Ein Tänzchen mit dem Bären am Kerbmontag


Quelle: Aus eigener Kraft – Beiträge zur Geschichte der Arbeiter-, Sport- und Kulturbewegung in Dietzenbach von Heinrich Weilmünster, Lina Weilmünster, Margret Beck

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