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bis zur Kerb am 26.10.2018


Willkommen liebe Kerbfreunde Blog

Uff de Kerb

Uff de Kerb

Von Jakob Heinrich Berz 1981

Das „Fest der Feste“ aber war alljährlich fürs ganze Dorf die Kerb. Sie wurde stets am Sonntag nach Simon Judäa, also am letzten Oktober – oder auch ersten Novembersonntag, zum Gedenken an die „Kirchweihe“ im Jahre 1754 gefeiert.

Die Dietzenbacher Kerb ist eine der letzten im Kreis Offenbach, nur Dudenhofen folgt noch vierzehn Tage später. Das war immer ein sehr günstiger Termin, denn bis zu dieser Zeit war die Ernte unter Dach und Fach und man konnte die Kerb gleich als Erntedankfest mitfeiern. Bargeld, im Leben der Bauern und der kleinen Handwerker, die von diesen Bauern lebten, bekanntlich immer knapp, war nach der Ernte vorhanden. So war ein anständiges Kerbgeld, ein neuer Anzug zur Kerb, Stiefel, ein neues Kleid für die Kinder, die bei der Ernte ja tüchtig hatten mithelfen müssen, möglich. Die jungen Burschen und Mädchen, aber auch mancher schon Ältere, freuten sich vor allem auf das Tanzvergnügen. Tanzmusik gab es eigentlich nur am zweiten Weihnachtstag, an Pfingsten oder alle Schaltjahre mal auf einem Fest. So freute sich Jung und Alt schon wochenlang auf die Kerb und wochenlang wurden bereits Vorbereitungen getroffen. Mitte Oktober, wenn die Ernte eingebracht und Äpfel und Kartoffeln gut verkauft waren, begann in Dietzenbach das große Reinemachen. Das ganze Haus wurde vom Boden bis zum Keller auf den Kopf gestellt, die Handwerker hatten alle Hände voll zu tun, weil sogar Dächer erneuert oder das Haus frisch gestrichen wurde. Die Stube erhielt ein neues Wandmuster, auf dem Tisch wurde ein neues Wachstuch aufgelegt, zerbrochene Scheiben wurden eingezogen. Wo Töchter im Haus waren, kam die Schneiderin, um die Kerbkleider anzufertigen.

In der Woche vor der Kerb schlug dann die große Stunde der Metzger und Bäcker. Am Montagnachmittag führte jeder Metzgermeister seinen Kerbochsen mit einem Kranz um den Hals geschmückt, begleitet von einer Kinderschar durch das Dorf. Am folgenden Tag schickte er einen Angehörigen in die Häuser und nahm Bestellungen für Suppenfleisch, Braten und Wurst auf, die dann am Samstag fein säuberlich mit einem Leinentuch zugedeckt ins Haus gebracht wurden. Die Hausfrauen kauften zwölf bis fünfzehn Pfund Mehl ein für die Kerbkuchen. Dann begannen für die Bäcker drei schwere Tage, sie mußten sich sogar aus der Nachbarschaft Hilfskräfte ausleihen. Donnerstagnacht waren dann die Milchhändler an der Reihe, die für jeden Kunden ein Stück Kerbkuchen mitbrachten. Die Freitagnacht wurde durchgebacken, den ganzen Samstag, oft bis in den Abend hinein. Berühmt war der Dietzenbacher Riwwelkuchen und vor allem der Käsekuchen, der noch ofenwarm gegessen wurde. Alle Kerbgäste kamen, erhielten ihren Kerbkuchen, und wer nicht da war, dem wurde er zugeschickt, so daß dazumal ein halber Waggon mit Kuchenpaketen aus dem Ort herausging.

Am Mittwoch kamen die Karussellwagen angefahren, am Donnerstag wurden die Karussels am Eingang der Schäfergasse zwischen dem Gasthaus „Krone“ und der Metzgerei Altmannsberger aufgestellt. Und so wie die Kinder heute noch tagelang vor der Kerb am Harmonieplatz oder an der Offenthaler Straße mit gespannten und kritischen Blicken zuschauen, was sich da begibt, taten sie es auch dazumal. Schaubuden, Süßigkeiten- und Spielsachenbuden, kurzum alles, was zu einem richtigen Juxplatz gehört, reihten sich bis zur Bäckerei Krapp an. Neben der Schule standen die Schießbuden, „Haut den Lukas“ oder auch einmal ein „Panorama“. Schon lange aber vor allen diesen Vorbereitungen auf diesen Höhepunkt des Jahres hatten sich Mitte September die 16- bis 20jährigen Burschen im Hinterzimmer ihrer Stammwirtschaft zu einer „Kerbgesellschaft“ zusammengefunden. Man traf sich bis zur Kerb an jedem Sonntagabend, um die Kerblieder zu lernen, und legte eine Kasse an für die Anschaffung der bunten Kappen und um die Musik zu bezahlen. An den Kappen konnte man erkennen, ob es sich um Kerbburschen vom Milchhof, von der Krone, der Harmonie, der Linde oder vom Löwen handelte. Bei den Zusammenkünften, bei denen auch Mädchen zugegen waren, ging es natürlich lustig zu und allerlei Späße wurden getrieben. Acht Tage vor der Kerb wurde sie dann mit einem Faß Bier „angetrunken und der jeweilige Wirt stellte seinen Wein zum versuchen bereit.

So kam endlich der Kerbsamstagabend herbei. An diesem Abend wurde von den Kerbburschen im Kerblokal der Kranz gewunden, kunstvoll aus Selleriekraut und gut einen Zentner schwer, am Ende wurde er mit so vielen bunten Bändern geschmückt, daß kaum noch das dunkle Selleriegrün zu sehen war. An drei festen bunten Stricken wurde er in der Mitte an einer Heugabel aufgehängt und um Mitternacht unter dem Singen des Liedes „Wir winden dir den Jungfernkranz“ in die Wohnung der vorher ausgewählten Kerbjungfrau getragen. Am Kerbsonntag herrschte lebhaftes Treiben auf allen Straßen und in den Wirtshäusern. Punkt drei Uhr erklangen Fanfaren, der Kerbzug mit einer Musikkapelle und den Kerbburschen an der Spitze setzte sich in Bewegung. Zwei Buben trugen einen Korb an einer Stange, geheimnisvoll mit einem weißen Tuch zugedeckt, neben ihnen zwei Kerbburschen mit Hacken und Spaten. Hinaus ging es vors Dorf auf einen Acker. Dort wurde gehackt und gegraben und frische braune Ackererde in den Korb geschippt, das weiße Tuch wieder über den Korb gedeckt und zurück ging es ins Dorf.

Die Musik spielte, die Äbbelwoibembel kreisten und ab und zu wurde eine Pause eingelegt und ein tiefer Schluck aus dem Bembel genommen. Das wiederholte sich so oft bis man an seiner Gastwirtschaft angekommen war naturgemäß bereits in allerbester Stimmung. Hier stand eine eiserne Vorrichtung, um Kranz und Strauß anzubringen und eine Leiter, von deren oberster Sprosse aus der gewählte Sprecher der Kerbburschen seine Rede hielt. Es war eine satirische Rede in Versen über alles, was sich so im vergangenen Jahr im Ort getan hatte und manches schadenfrohe Gelächter klang auf. Nach jedem Vers ertönte es laut: „Kamerad schenk ein, es muß einmal getrunken sein“, wozu die Musik einen Tusch erklingen ließ.

Dann ging es mit Musik in den Saal und hier begann der fröhliche Kerbtanz mit Walzern, Rheinländern, Schottisch 1) und auch den beliebten Gesellschaftstänzen. Ein älterer Musikant, der Zopper genannt, erhob das Tanzgeld, gab die bunten Tanzbändchen aus und sorgte für die Tanzordnung.

Billig war die Kerb übrigens nicht, es wurde nur Flaschenwein ausgegeben und die älteren Herrschaften, die keiner Kerbgesellschaft mehr angehörten und im Laufe des Nachmittag und Abend zwei bis drei Säle aufsuchten, gaben jedesmal der Musik ein Trinkgeld. Am Montagmorgen zogen dann die Kerbburschen ab 9 Uhr nicht mehr ganz so frisch wie am Samstag, mit „selbstgemachter“ Musik zu Eltern und Bekannten, um den Morgensegen zu bringen und eine Gabe für die Kerbburschenkasse zu erbitten.

In den Familien war das Festessen am Kerbmontag Sauerkraut und Erbsbrei mit Speck. Am Nachmittag ging es wieder ins Tanzlokal und alle, auch die älteren Jahrgänge, tanzten ausgelassen bis gegen Morgen am Kerbdienstag.

Am Dienstag wurde dann nach altem Brauch die Kerb „begroawe“ vor dem Dorf auf einem Acker. Die Burschen standen weinend dabei, in späterer Zeit bürgerte es sich ein, daß eine regelrechte „Grabrede“ von einem „Parrer“ gehalten wurde. Dann ging man zurück ins Kerblokal, wo die Kerbfreude bei Pellkartoffeln und Hering ihrem Ende zuging.

1) 
Der Kathreintanz bildet am letzten Samstag vor dem 25. November den Abschluss der im Sinne der Volkskultur „traditionellen“ Tanzsaison. Gepflegt wird dieses Brauchtum in den deutschsprachigen Alpenländern und im fränkischen Raum. Die Bezeichnung geht auf die heilige Katharina von Alexandrien zurück, deren Gedenktag der 25. November ist, eines der letzten Heiligenfeste vor dem Advent. Der Advent dient (analog zur Fastenzeit vor Ostern) als Bußzeit und sogenannte geschlossene Zeit zur Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. In diesen geschlossenen Zeiten waren früher öffentliche Tanzveranstaltungen verboten. [1] Im Volksmund ist der Merkspruch überliefert: „Kathrein stellt den Tanz ein“.
Während nach diesem alten Brauch noch weit bis ins 20. Jahrhundert vom Kathreintag an bis einschließlich Erscheinung des Herrn "Bass und Geigen eingesperrt" blieben, hat sich dies auch in ländlichen Gegenden geändert, sodass auch in der ehemals tanzfreien Zeit (Advent bis Hl. Drei Könige) Tanzveranstaltungen stattfinden.
Den traditionellen Kathreintanz findet man nur noch selten bei Veranstaltungen von Volksmusik- und Volkstanzgruppen, und er wird dann oft vom Heimatverein, dem Trachtenverein oder der Volksmusikgruppe veranstaltet. Hierbei werden dann auch zumeist traditionelle Volkstänze gespielt und getanzt. Im Franken sind dies vor allem Schottisch, Walzer, Rheinländer, Zwiefache, Galopp bzw. Dreher und spezielle Figurentänze. Quellen: Fränkisches Brauchtum - neu belebt; Kultur & Brauchtum in Vöcklamarkt; Programm des Kathreintanzes in Würzburg

Quelle: Es ist noch nicht so lange her – Seite 41ff

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