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Diese Kerb: ein guter Neubeginn (02.11.1978)

Diese Kerb: ein guter Neubeginn

Als am Kerbmontag beim Frühschoppen in der „Linde“ kein einziges Plätzchen mehr zu finden war, als die Leute dennoch für jeden Neuankömmling noch ein bißchen dichter aufeinanderrückten, als der Arthur Fenn die Sänger vom „Sängerkranz“ zu immer neuen Liedern dirigierte, als der Jürgen Heyer vergnügliche Lieder zur Gitarre sang — da kam doch fast ganz richtige Kerbstimmung auf. Beim „Eckert“ in der Babenhäuser Straße hing der grüne Selleriekranz – wie es sich in Dietzenbach von eh und je gehört, nicht das „landfremde“ Fichtekränzi – am Haus, gewunden vom 83jährigen Heinrich Philipp Göckel, der das nun schon seit vielen Jahren tut: als die Kerbborschen noch durch die Straßen zogen, als diese alten Bräuche fast ausgestorben schienen und nun, wo auch die Dietzenbacher wieder zu entdecken scheinen wie hübsch der Väter alte Sitten doch waren.

Vier Jahre ist es nun her, da schrieb die Stadtpost zur Kerb, tröstlich, daß es doch noch einiges Vergnügliche – den Kerbplatz mit vielen Kindervergnügungen, Kerbtanz, fröhliche Runden in den Gaststätten – gebe, wenn auch leider die alten Kerbbräuche, wie sie Heinrich Berz so anschaulich beschrieben hat, wenig mehr übriggeblieben sei.

Das nun wollten einige Männer nicht auf Dietzenbach sitzen lasen‚ Willi Schreiber, Jakob Klößmann, Werner Dutine, Heinz Eberhard zogen vom „Treffpunkt“ aus in den Wald und holten einen Kerbbaum ein, die erste Kerbbopp wurde – auch das alter Brauch – gestohlen und so vergnügte man sich, ohne daß es der Bevölkerung allzu deutlich wurde, drei Jahre. „Wir waren ja nur Kerb-Opas“, meint Willi Schreiber heute mit leiser Selbstironie. Zum Abschied von ihrem Kerbborschendasein hatten sie sich im vergangenen Jahr etwas ganz Neues einfallen lassen:

Mit klingendem Spiel und lustig gewandet zog der SG-Fanfarenzug beim Wecken zur Kerb durch die Straßen. Die neue Form hat allseits viel Anklang gefunden. Foto: Latzke

eine „Kerblies“ wurde an den Baum gebunden, „die war so schön, daß in einer Dietzenbacher Wirtschaft der Wirt eine Ehrenrunde mit ihr drehte“.
In diesem Jahr nun ist der Sprung in die Offentlichkeit gelungen: in den jungen Männern des „Ildt-Clubs“‚ eines Geselligkeitsund Schoppenvereins, der für jeden Ulk und fröhliche Gemeinschaft gut ist, fanden sich jüngere Kerbburschen und der wiedergegründete SG-Fanfarenzug ließ den „Weckruf“ zur Kerb wiederaufleben.
Am Freitagnachmittag schon ging es los: aus dem Walde wurde der stattliche Kerbbaum geholt und vor der Licher Pilsstube, wo „Kerbvadder“ Horst Buch residiert, buntbebändert aufgestellt.
Der „Borsch“, mit Stroh ausgestopft, mit alten Kleidern angezogen, ein Friseurkopf ließ ihn direkt als „Schönling“ erscheinen, wurde auf seinem Stuhl hoch in die Luft gesetzt.
Am Abend kamen die Kerbborschen mit ihren Strohhüten zusammen, Rainer Wagner hatte die Kerbrede, die ihm der letzte „echte“ Kerbborschenjahrgang übergeben hatte, aktualisiert, das Ker-
b1ied‚ auch das noch von anno dazumal, wurde gesungen. Kerbvadder Buch stärkte die Mannen nach so viel Anstrengung mit einer kräftigen Erbsensuppe.
Der Kerbsamstag brachte fröhliches Treiben auf dem Kerbplatz und in den Gastwirtschaften, der Kerbsonntag schon am frühen Morgen den „Weckruf“. Mit einem Ständchen des Fanfarenzuges
beim Kiosk Braun, wo sich der Zug formiert hatte, ging es los, angeschlossen hatten sich auch die „Schoppen-Rangers“ aus der „Guten Quelle“ und der TT und FF-Club 77 der „Harmlosen“ aus der
„Linde“, die die Original-Kerbfahne von 1947 (von Franz Raab zwei Tage gut bewacht) mit sich führten, die jahrelang bei der „Eis-Dorthel“ treu aufbewahrt worden war.
Die Dietzenbacher, sonst doch eher ein ruhiger Menschenschlag, waren an diesem Kerbsonntagvormittag „außer Rand und Band“, wie es einer formulierte, der im Zuge mitzog. Sie kamen aus den Häusern und tanzten auf den Straßen und brachten Trinkbares an. Zu trinken gab es natürlich auch bei den einzelnen Stationen: Licher Pilsstube – Alt-Dietzenbach (wo Wirt Werkmann auf der Straße Tische aufgestellt hatte und viel Beifall damit fand) – Treppchen-Linde. „Das hab ich seit Jahren nicht mehr erlebt“, stellte Gärtner Gall gerührt fest und bewirtete die Kerbborschen spontan.
Ein Erlebnis, das die, die dabei waren, wohl nie vergessen werden, fand in der Wilhelm-Leuschner-Straße statt: Jakob Wolf, einst vor mehr als 25 Jahren Stabführer des damaligen  Spielmannszuges überreichte dem Stabführer des neuen SG-Spielmannszuges den Stab, den er die ganzen Jahre in Ehren gehalten hatte. Albert Meissner trat zurück ins letzte Glied und ließ Jakob Wolf noch einmal den Stab führen. Die „Kleine Garde“ klang auf. Der SG-Fanfarenzug wird, so verlautet – um die Kontinuität der Tradition zu wahren – dem verdienten Jakob Wolf zum „Ehrenstabführer“ ernennen.

Mitsamt Baggagewagen, von Philipp Keim und Schorsch Holzmann mitgeführt – konnte man denn bei diesem ersten Versuch ahnen, wie vorzüglich man unterwegs mit Speis und Trank versorgt werden würde? – kam man schließlich in der „Linde“ an. „Als wir die Linde zum Abschluß bestimmten“, meint Georg Ruchti, der Vorsitzende des Fanfarenzuges, „wußten wir noch nicht, daß unsere SG-Halle termingemäß fertig sein wird.“
Die Kerb 78 war rundherum ein Erfolg. „Auch die Stadt“, so Bürgermeister Dr. Keller „muß den Fanfarenzug und den Burschen vom Ildt-Club herzlich danken für ihre Initiativen zur Wiedererweckung alter Bräuche.“ Sie sind, so hatte es zumindest den Anschein, auf Interesse gestoßen. Nun kommt es, wenn dieser Schwung nicht verpuffen soll, darauf an, daß der „richtige“ Jahrgang im nächsten Jahr die Sache in die Hände nimmt.   lad

Quelle: Dietzenbacher Stadtpost 02.11.1978

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