Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz… (2005)

 

Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz…

und gelb wie Riwwelkuche: Altstädtische Weckruf-Prozession der Kerbburschen

Dietzenbach (jw) Sonntagmorgen. Herbstlich-grau hängt eine Dunstglocke überm schlafenden Städtchen. Doch was tut sich vor der Gärtnerei Hartmann? Wer wagt in aller Herrgottsfrühe eine Versammlung? Aufstand? Revolution? Am Sonntagmorgen? Niemand Geringeres als die Kerbburschen rufen zur Zusammenrottung. In Schale haben sich die jungen Kerls geworfen; weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz blendet ihr Outfit die müden Augen der Zaungäste. Die kalte Morgenluft tut ihr Übrigens und treibt die Müdigkeit aus den Knochen. Wer dann noch nicht erwacht Ist, ist es spätestens nach dem ersten Proberuf, den die Kerbburschen aus ihren Kehlen stoßen. Zwei Tage Kirchweih – sowas hinterlässt Spuren. Die Stimmbänder sind aufgeraut, im Ruf schwingt das Krächzen von erkälteten Krähen mit.

Nach der Generalprobe beladen die Kerbburschen ihr Handwägelchen mit Käse- und Streuselkuchen. Da lüften sich die ersten Rollläden: Anwohner kommen aus ihren Häusern, um einen Blick auf das Getümmel zu erhaschen und schon etwas von den Backwaren abzustauben. Selbst ein bisschen verblüfft stellen die elf Kerbburschen fest, dass sie bereits die Hälfte des Käsekuchens an den Mann gebracht haben, noch ehe die Verstärkung von der Musikervereinigung eingetroffen ist.

Vom Wingertsberg hinab tönt unvermittelt der Klang von Trompeten und Posaunen, ein Traktor mit ungewöhnlicher Ladung bahnt sich seinen Weg zur traditions- und kuchenbeladenen Prozession. Auf dem Anhänger haben Bläser und TrommIer der Musikervereinigung Platz genommen. Der Zug ist komplett, eingekeilt zwischen zwei Fahrzeugen des Ordnungsamtes setzt sich der Tross, die Kerbburschen vorne weg, in Bewegung. Mit auf den Weg gibt es noch einen Rat von den alten Hasen, die den Kerbzug begleiten. Nicht an jeder Ecke stehen bleiben, sondern den Kuchen im laufen feilbieten. Schließlich wollen sie noch in diesem Jahrtausend in die Wärme ihrer Schaltzentrale, der „Licher Pilsstube“, schlüpfen.

„Aufwachen!“ – der Ruf der Burschenschaft hallt fordernd durchs Revier. Weil die Gassen der Altstadt noch zu verschlafen erscheinen, scheuen die wagemutigen Burschen nicht Tod, nicht Teufel und das Deiwelchen, das hier angeblich hinter mancher Mauer auf unschuldige Seelen lauert, schon gar nicht. Sie klingeln an verschlossenen Türen. Schreien Häuserfronten an. Manch Verwirrter riskiert den Blick aufs bunte Treiben nur aus der Deckung dunkler Fensterscheiben. Hasenfüße! Egal. Aus selbstbewussten Kehlen preisen die Kerbburschenlauthals die wunderbare Beglückung durchs Backwerk.

Da spähen Kinder erschrocken aus dem Fenster. Aber einige Anwohner sind bereits aus ihren Betten gefallen und warten am Hoftor oder an der nächsten Straßenecke auf den Kerbzug, um das Spektakel aus der Nähe zu begutachten. Als Entschädigung für die sonntägliche Ruhestörung greifen sie gern zu einem köstlichen Stück Riwwelkuche. Aber nicht mehr lange. Der graue Boden des Wägelchens schimmert schon durch.

 

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Morgenstund hat Gold im Mund: Getreu dem alten Sprichwort machten sich die Kerbburschen gestern Morgen auf, um die Gassen der Altstadt zu erobern und hungrigen Leckermäulern als Entschädigung für die frühe Ruhestörung ihren selbstgebackenen Kerbkuchen anzubieten.
Fotos (2): Westphal

 

 

Quelle: unbekannt